Siebenschläfer

Bild Wikipedia - Julien 31

Was wusste ich schon von diesen Tierchen, die die Zoologen Glis Glis nennen, bevor sich der Vorfall zugetragen hat, den ich jetzt berichten werden? Nichts, gar nichts.

In der ersten Zeit trappelte und raschelte ab und zu in dem Gemäuer, das jahrzehntelang ein Kuhstall gewesen ist und das vielleicht lieber ein Kuhstall geblieben wäre, wenn man bedenkt, wie sehr es sich unserem Ansinnen, ihm alles Kuhstallhafte auszutreiben, widersetzt hat. Nun waren Geräusche dort nichts besonderes, vor allem abends. Feldmäuse und Hausmäuse, Eidechsen, Fledermäuse und das Käuzchen kannten wir schon. Und lief nicht manchmal auch eine halbwilde Katze über das Dach?

Eines Tages aber fand ich bei einer Dachreparatur ein interessant aussehendes Tier mit einem auffällig buschigen Schwanz. Es lag tot in seinem Nest. Mag sein, dass ich an seinem Dahinscheiden nicht ganz unschuldig gewesen bin. Beim Hantieren mit Feldsteinen, Brettern, Dachziegeln und Beton mag ich es zu Tode gebracht haben.

Der Nachbar hielt es für eine Ratte, mehrere Fotos mit daneben gelegtem Zollstock zwecks Größenvergleich wurden gemacht, Bücher gewälzt. Am Ende blieb kein Zweifeln, das tote Tierchen hieß Siebenschläfer: Glis Glis.

Was die Bücher noch verraten haben: Diese recht niedlichen Viecher liegen zwar alle sieben Tage der Woche schlafend in ihrem Nest, gehen aber zu genau der Zeit auf die Pirsch und trappeln übers Dach, wenn wir uns ins Bett legen. Eine Ruhestörung, die beendet werden musste, wie auch der Tierfreund als solcher einsehen wird.

Sie wohnen in Hohlräumen unter dem Dach, sagen die Bücher. Also werden Ritzen verschmiert, Siebenschläfer-Schleichwege durch sinnreiche Konstruktionen aus Leisten und Silikon unpassierbar gemacht.

Die Tiere trappelten allerdings weiterhin einschlafruhestörenderweise über das Dach, gerne auch über die gelben Hartschaumplatten, die zwar die Wärme, nicht aber den Schall dämmen.

Eine etwas größere Mäusefalle wurde aufgestellt. Nicht so ganz tierfreundkompatibel, aber weil wir schon eine größere Anzahl von Mäusen mit Fallen moderner Bauart ausgeschaltet hatten, kam es, so dachten wir, auf eine Siebenschläferfamilie auch nicht mehr an. Wenn man von früh bis spät renoviert, braucht man Schlaf und keine nachtaktiven Mitbewohner.

Leider ging kein Siebenschläfer in die Falle, die uns in der örtlichen Ferreteria doch so warm empfohlen worden war. Die Viecher schienen ihr Dachrevier nie zu verlassen. Sicherlich haben sie den als Köder verwendeten Käse und auch die Schokoladenstückchen gerochen. Aber anders als unsere Hausmäuse scheinen sie nicht so arg scharf darauf gewesen zu sein. Vielleicht mochten sie desgleichen auch gar nicht, aber auf die Frage, welchen Köder man für Siebenschläfer verwendet, gaben unsere Bücher keine Antwort.

Auch in der Küche haben die Siebenschläfer nie etwas angenagt, was dafür spricht, dass sie anders als wir keine Vegetarier sind. Eigentlich also prima Mitbewohner, diese Tagesschläfer. Wenn da nicht dieses Getrappel wäre.

Wenn ihr nicht runter zur Falle kommt, dann kommt die Falle eben rauf zu euch, sagte ich mir. Beim Mäusefang mit den innovativen Plastikfallen aus der Ferreteria hatten wir eins gelernt: War einer Maus das Schicksal nicht so gnädig, ihr einen sofortigen Mausefallentod zu bescheren, dann schleppte sie sich mitsamt der zugeschnappten Falle in irgendeine Ecke. Die Falle musste also festgebunden werden, wozu sich die überall auf den Wiesen herumliegenden orangeroten Schnüre, mit denen die Heupakete verschnürt sind, hervorragend eignen.

So stand die Falle sorgfältig festgebunden zwei Tage lang in einem Hohlraum zwischen den Dachziegeln und dem Firstbalken. Am zweiten Abend saßen wir wie gewöhnlich bei Kerzenschein beim Abendessen. Nicht der Romantik wegen brannten die Kerzen, sondern mangels Anschluß an das Elektrizitätsnetz. Beim Pudding mit Karamelsauce ging das Getrappel los. Dann ein lautes "Klapp". Und noch bevor ich realisiert hatte, dass dieses "Klapp" nur von der Siebenschläferfalle kommen konnte, fiel die Falle mitsamt einem schon ziemlich toten Siebenschläfer vom Firstbalken herunter. Die Falle nebst erlegtem Tier fielen aber nicht auf den Boden, sondern die orangerote Plastikschnur stoppte den Fall abrupt über unserem Eßtisch. Nach kurzem Baumeln etwa 40 cm oberhalb von unserem Nachtisch wechselte das Tierchen vom ziemlich toten in den ganz toten Zustand. So bedurfte es keines besonderen Mutes, die rote Schnur mit der Schere zu durchschneiden und Falle nebst Opfer vorläufig auf die schon arg dunkle Wiese zu verbringen.

Seit dem Tag war kein einschlafstörendes Getrappel mehr zu hören. Hatten wir das letzte Mitglied der Siebenschläferfamilie erlegt? Vielleicht war es ihnen aber auch zu ungemütlich geworden und die Wanderlust hatte sie gepackt. Die Psyche des Menschen ist schon schwer zu ergründen, wer wird da eine Aussage darüber wagen, was im Kopf eines Siebenschläfers vorgeht?



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