Rote Fähnchen
Zuerst waren überall rote Fähnchen am Wegesrand, alle 50 m etwa ein rotes Fähnchen, hoch bis zur Alm, wo sie sich irgendwo zwischen Felsen und Stechginstergestrüpp verloren. Neue rote Fähnchen, die jeweils an einem ebenso neuen Vierkantstab hingen. Drei Männer hatten sie vormittags mit einem Hammer in den Boden gerammt und waren danach Richtung Dorf verschwunden.
Nachmittags gehörte das Tal wieder den Kühen und der herbstlichen Ruhe.
Gegen Abend - wir waren gerade oben auf der Alb - sahen wir weitere vier Männer mit großen Rucksäcken den Berg hochstiefeln. Keine Touristen und keine Leute von hier, denn Touristen tragen immer bunte Kleidung und haben kleine Rucksäcke auf dem Rücken. Die Viehzüchter hingegen brauchen keine Rucksäcke und bevorzugen dunkelblaue Hosen zu karierten Oberhemden. Zwei der vier langsam den Berg hinaufstiefelnden Männer in ihrem irgendwie - von weitem hatte ich an eine Sinnestäuschung gedacht - fleischfarbenen Dress blieben auf einem kleinen Wiesenstück neben dem im Herbst ausgetrockneten Bachbett stehen und werkelten eifrig. Was, konnten wir nicht erkennen. Die beiden anderen folgten dem Fähnchen-Weg und schleppten sich und ihre ihre Rucksäcke bergauf.
Selbstverständlich waren wir neugierig. Dergleichen geschieht hier oben schließlich nicht jeden Tag. Im Gegenteil. Normalerweise geschieht hier oben nichts. Außer dass sich mal eine Kuh verirrt. Und alle 14 Tage wandert bei schönem Wetter eine kleine Gruppe von Wanderern schwitzend auf die Alm hoch - mit einem Local Guide, denn wir sind schließlich nicht in der Schweiz. Markierte Wege gibt es nur in der Nachbargemeinde.
Neugierig also bummelten wir quer über einen farnbestandenen Hang hinab zu der Stelle, an der die beiden Männer mit den beige-rötlichen Anzügen gewerkelt hatten. Die Anzüge entpuppten sich als Uniformen, die Männer entpuppten sich als Soldaten. Sie trugen tarnfarbene Kampfanzüge. Die Tarnfarbe war für wüstenähnliche Landstriche sicherlich bestens geeignet, auf den grünen Bergwiesen bewirkte sie allerdings eher das Gegenteil. Die beiden Zeltleins, die sie aufgebauten hatten, waren dank ihres grün-braunen Designs am Rande eines Steckginster-Farn-Gestrüpps wirklich kaum zu sehen.
Soldaten? Eine Geländeübung? Eine Manöver der spanischen Streitkräfte? Aber Soldaten, die Wege mit roten Fähnchen markieren, nein, das gibt keinen Sinn.
Die Nacht kam, der erst seit drei Tagen abnehmende Mond schien prächtig, die Flasche mit dem Tempranillo aus dem Arbol war allzu schnell leer. Weder Füchse noch Wildschweine noch Soldaten ließen sich blicken. Nur die Fledermäuse drehten wie jeden Abend ihre Runden.
Morgens - wir lagen noch im Bett, weniger weil uns der Tempranillo nicht bekommen wäre oder weil wir generell Langschläfer wären, sondern deswegen, weil keine Arbeit drängte und niemand da war, der uns das Frühstück bereitet hätte - morgens also schreckte uns ein Getrappel aus unserem Herumdösen auf. Keine Kühe, sicher nicht, denn eine Kuhherde im Galopp lässt den Boden erzittern. Eher Ziegen oder Schafe. Aber die letzte kleine Ziegenherde lebt weit oben zwischen den Felsen und die Schafe aus dem Nachbarort haben sich noch nie in unser Tal verirrt.
Ungewaschen und bekleidet mit meiner dunkelblauen Schlabber-Trainingshose und dem ehemals postgelben T-Shirt, das postgelb war, da es sich um ein Werbegeschenk der Postbank handelte, ging ich raus aus der Hütte. Weder Tier noch Mensch war auf der Wiese zu sehen, der Weg bergauf war ebenso leer wie der Weg bergab.
Doch dann war da wieder - erst leise, dann immer deutlicher zu hören - dieses Getrappel. Eine Gruppe von verschwitzten, schwer atmenden Gestalten lief vorbei. Manche riefen mir ein "Hola!" zu. Sie hatten sich in bunte, eng anliegende Anzüge gezwängt. Die wahrscheinlich sorgfältig zusammengestellten Farbkombinationen waren allerdings meist nur noch zu erahnen, da die Laufenden sich über und über mit Schlamm bespritzt hatten. Bei vielen baumelten vor der Brust wie wie zwei künstliche Brüste Flaschen mit etwas Trinkbarem. Die meisten liefen seltsamerweise mit zwei Metallstöcken. Glücklich sahen sie nicht aus, obwohl es doch ab der Stelle, an der ich stand, nur noch bergab geht. Aber das wussten sie vielleicht nicht. Und schon war der letzte vorbei.
Nach dem Frühstück wollte ich die Schlehenecke beschneiden. Eine schön gerade geschnittene Schlehenhecke macht was her, finde ich. Das Zeltlein war schon weg, kein Mensch zu sehen. Doch was war das? Das Törchen war offen. Eine einfache Barriere aus Stacheldraht und Weidenstöcken, das eine wichtige Funktion hat, nämlich Kühe und halbwilde Pferde daran zu hindern, von der Alm zurück ins Dorf zu laufen. Nicht nur offen war dieses Törchen, sondern es lag im Dreck, einige der Läufer waren offenbar darauf getrampelt. Niemand hatte auf das Törchen geachtet.
Sollen die dummen Bauern das doch machen, mögen Sportler und Soldaten gedacht haben. Wahrscheinlich aber haben sie gar nicht gedacht. Schließlich ging es darum, querfeldein über Wiesen und Kuhpfade, durch Bäche und Matsch über die Berge zu rennen und dabei möglichst auch noch schneller zu rennen als die anderen.
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