Das asturische Törchen
Die Kühe sind ausgerissen, trotten über den Weg ins Tal. Wieder einmal. Der Grund ist schnell gefunden: Das Törchen ist kaputt. Einfach durchgebrochen haben es die blöden Viecher. Es ist ihnen nicht schwer gefallen. Denn die asturischen Bergkühe sind stark und das Törchen altersschwach.
Abends berät die Familie das Problem. Das Törchen ist alt, das Holz nicht das beste. Ein neues müsste her. Eins aus Stahl. So ein silbrig-glänzendes Ding, wie das vom Nachbarn, dem alten Angeber? Kommt nicht in Frage, meint Maria, die Mutter. Xavier, der Vater, der sein Geld auf dem Bau verdient und dem die Kühe sowieso lästig sind, denkt an die Ausgabe und stimmt seiner Frau zu.Warum nehmen wir nicht einfach die beiden alten Bettgestelle, hat der Pepe doch schon seit 3 Jahren, da geht keine Kuh durch, sagt Fernando, der ältere Sohn, der zusammen mit seinem jüngeren Bruder Ricardo für die Kühe zuständig ist. Bettgestelle? ruft die Oma, die auch Maria heißt, entsetzt. Das Törchen hat doch noch der Opa gebaut, und zwar aus Kastanienholz. Kastanienholz ist am besten, das weiß doch jeder. Alle verkneifen sich die Bemerkung, dass der Opa doch so handwerklich unbegabt war, dass er bestimmt kein gescheites Törchen zusammen gekriegt hätte, und versprechen der Oma, Opas Törchen fachgerecht zu reparieren, ein Versprechen, dass ihnen leicht fällt, denn sie wissen, dass die Oma wegen ihres linken Beins nicht mehr den Berg hinaufgehen kann, um sich die Sache anzusehen. Für die Reparatur wird Ricardo bestimmt, weil der am nächsten Tag Kuhdienst hat.
Ricardo protestiert nicht, nimmt aber weder Werkzeug noch Material mit und stabilisiert den oberen Querbalken mit einem Stück der roten Plastikschnüre, die von Heupaketen stammen und überall herumliegen. Er stützt das ganze mit ein paar Stöcken und halbverrotteten Brettern, die seit Jahren neben der Stall im Matsch liegen, ab und geht zufrieden mit sich zurück ins Tal.
Die Konstruktion, das war zu vermuten, hält nur so lange, bis die Kühe Hunger spüren und sich auf Nachbars Wiese satt fressen wollen. An dem Tag hat Fernando Kuhdienst. Er treibt die Kühe wutentbrannt und mit einem riesigen Geschrei zurück auf die richtige Wiese, befestigt mit weiteren roten Schnüren einen armdicken Haselnussast an dem Törchen und fährt mit seinem blauen Peugeot - zum Leidwesen seines jüngeren Bruders hat Fernando ein Auto - in den Dorfladen, wo wie immer ein paar Männer sitzen, die sich ein Bierchen oder ein Glas Rotwein genehmigen. Dann fährt er nach Hause und schreit seinen Bruder an, der schließlich daran Schuld ist, dass er die Kühe herumtreiben musste. Aber noch während Ricardo zurück schreit, schreit der Vater seine beiden Söhne an, denn er will mit dem ewigen Gezänk wegen der Kühe nichts zu tun haben und in Ruhe fernsehen.
Zwei Tage später sind die Kühe wieder auf Nachbars Weise. Der Nachbar liefert sich ein kurzes, aber mit deftigen Ausdrücken gespicktes Wortgefecht mit der Mutter, die darauf Fernando, der als der vernünftigere gilt, mit dem Versprechen, ihm eine Tankfüllung Benzin für seinen Peugeot zu spendieren, dazu bringt, die Sache gründlicher anzugehen.
Fernando lädt also ein paar Bretter, Axt, Hammer und eine Rolle Stacheldraht in den Kofferraum seines Wagens. Fehlen nur noch ein paar Nägel. Irgendwo im Gartenschuppen müssen welche sein, vermutet er. Er findet aber keine, statt dessen ein Stück von einem Pastor electrico, also einem elektrischen Zaun. Kein langes Stück, aber so ein kleiner Stromschlag, scheint ihm, hält auch die penetranteste Kuh zurück. Das Ding landet also auch im Kofferraum.
Oben angekommen raucht er erst einmal in Ruhe eine Chesterfield. Denn warum beeilen? Das Wetter ist schön, die Kühe sind ruhig. So eine Zigarette, das wird jeder Raucher bestätigen, löst manchmal einen Gedankenschub aus. So auch bei Fernando. Natürlich, das ist es: Die Kühe brechen aus, weil sie Hunger haben. Und sie haben Hunger, weil die obere Bergwiese abgefressen ist. Also treibt er seine 7 Kühe auf die untere Bergwiese, raucht noch eine Chesterfield, fährt wieder zurück ins Tal und wirft Bretter, Werkzeug und den Pastor electrico wieder in den Schuppen.
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