Gletscher-SightSeeing
Lassen wir die Anreise weg, die Taxifahrt durch das schwülheiße nächtliche Buenos Aires, den vergeblichen Versuch, in einem sogenannten Boutique Hotel, dessen Besitzer die vielen guten Bewertungen wahrscheinlich selbst geschrieben hatte, ein Auge zuzumachen, lassen wir den wackligen Inlandflug nach El Calafate weg, diese Wild-West-Stadt ohne Stadtplanung, in der Hotels für Leute wie uns aus dem Boden sprießen und wo der patagonische Steppenwind wie immer unerbittlich und kalt durch die Straßen pfeift, lassen wir die Busfahrt zum Hafen und die lange Menschenschlange vor der Bude, in der man Eintritt in den Nationalpark zu zahlen hat, lassen wir das alles weg und begeben wir uns direkt auf das Schiff: Große Ganztags-Gletschertour über den Lago Argentino.
Es ist noch früh am Tag, der kalte Wind bläst von den chilenischen Anden herab, die irgendwo in den Wolken stecken. An Deck befindet sich nur eine Handvoll Raucher, 250 weitere Fahrgäste sitzen im warmen Fahrgastraum.
Die Argentinier haben sich fein gemacht, wie man sich halt fein macht, wenn man einen Familienausflug mit einem Ausflugsdampfer macht. Sie schleppen dicke Taschen mit, in denen, wie sich zeigen wird, Verpflegung für die ganze Großfamilie steckt: Schnitzel, Salate, saure Gurken im Glas, jede Menge der landestypischen weichen Brötchen, die der deutsche Bioköstler für ein Gesundheitsrisiko hält. Dazu Getränke. Mate-Tee natürlich in den typischen Bechern, gelb gefärbtes und mit viel Zucker angereichertes Leitungswasser in Zwei-Liter-Flaschen, auch Refresco genannt, für die Kinder, eine oder mehrere Flaschen chilenischen Weins zum Mittagessen und eine Flasche Schnaps, die dann zum Kuchen die runde machen wird. Die eine oder andere Familie hat auch einen Ghettoblaster dabei. Denn was wäre ein lateinamerikanischer Familienausflug ohne Musik, ohne ein Tänzchen an Bord?
Wir Bewohner der Nordhalbkugel haben uns auch fein gemacht, haben uns als unerschrockene Explorer verkleidet, sind in unseren mit Bärentatzen verzierten nagelneuen Anoraks gefeit vor den Anfeindungen der wilden patagonischen Gletscherlandschaft.
Aber noch sind wir nicht so weit, noch gibt es weder Gletscher zu sehen noch tanzende Argentinier. Noch sitzen alle brav in ihren Sitzreihen, die so angeordnet und so eng sind wie die Sitzreihen in einem Jumbo-Jet in der Economy-Class. Dass über den Köpfen Monitore angebracht sind, auf denen eine Diashow mit Gletscherbildern in einer Endlosschleife läuft, passt dazu.
Nord-Europäer oder Nord-Amerikaner sind wenige an Bord. Die boykottieren Dampfer, auf denen die Bordsprache Spanisch ist. Wir deutsche Individual-Touristen sind da ganz anders. Wir haben die Lektion gelernt, dass an unserem Wesen die Welt nicht genesen will und mischen uns bewusst unter die Einheimischen. Da unser Spanisch aber schwach der argentinische Dialekt völlig fremd ist, schweigen wir, flüstern allenfalls verstohlen. Dass die Latinos aber auch so einen Krach machen müssen! Wir wissen, dass angesichts von in Wolken verschwindenden chilenischen Andengipfeln andächtige Ruhe angesagt ist, die Ruhe über allen Wipfeln, die uns unser Goethe verordnet hat. Die Latinos, die ständiges Plappern als Zeichen von guter Stimmung ansehen und am Lautstärkepegel das Maß an Lebensfreude ablesen, die Latinos deuten unser Schweigen als “mal humor” – schlechte Laune.
Wo soll die gute Laune auch herkommen? Draußen gibt es wenig zu sehen. Dunkle, kahle Berge, dunkelbraun-schwarze Ufer, kein Haus, Kein Baum. Eine tiefe, fast geschlossene Wolkendecke. An Deck ist der Wind, der jetzt noch durch den Fahrtwind verstärkt wird, nur mit Kapuze zu ertragen. Das Schiff kämpft sich vorwärts, vorbei an einem ersten traurigen, dreckigen Eishäuflein, vielleicht ein Meter lang, ein Eisberg-Rest, der keine große Lebenserwartung mehr hat. Kein Fotomotiv.
Endlich – einige Mitreisende haben schon das Mittags-Picknick ausgepackt und lassen die Weinflaschen kreisen – der erste richtige Eisberg. Alles türmt an Deck, jeder, buchstäblich jeder fotografiert. Der Kapitän tuckert langsam um das grünblau glitzernde Ding herum, immer näher heran, schließlich soll jeder optimale bilder machen können. Da alle 250 Mitfahrer von der gleichen Stelle aus fotografieren wollen, wird der Platz knapp, die Glücklichen, die eine freie Stelle in der ersten Reihe ergattert haben, werden an die Reling gequetscht. Macht nichts. Geschätzte 10.000 Mal macht es Klick, alle sind zufrieden.
Beim nächsten Eisberg, der noch größer, noch spektakulärer ist mit seinem Blau, das aus seinem Inneren heraus zu leuchten scheint, geht das Spiel von vorne los. Ich will ich vornehm aus der Drängelei heraus halten und bleibe auf der Seite des Schiffes, von der man den Eisberg kaum sehen kann. Kurze Zeit später dreht das Boot, jetzt bin ich in der ersten Reihe, werde von herüberströmenden Fotografierwilligen an die Reling gequetscht.
Erstaunlich schnell werden die Eisberge langweilig. Ein Passagier nach dem anderen verschwindet wieder im warmen Fahrgastraum, widmet sich seinem Picknick-Korb oder schaut sich die eben gemachten Fotos an. Die richtigen Technik-Freaks übertragen ihre Bilder sofort auf ihr Notebook, verschicken die besten Schnappschüsse per Email an die Lieben daheim.
See und Wolken, Berge und Eisberge ziehen derweil draußen fast unbemerkt vorüber, an Deck harren nur noch die wirklich Fotobegeisterten aus, die den Eisbergen mit mehreren Kameras und langen Teleobjektiven auf die Pelle rücken. Und natürlich die frischluftliebenden Raucher.
Das ändert sich, als der erste von drei Gletschern gesichtet wird. Größer, als ich ihn mir vorgestellt hatte, dreckiger auch, gewaltiger in seiner millimeterweisen, unerbittlichen Fortbewegungsart.
Alles stürmt wieder an Deck, es klickt und klickt und klickt, die Sonne kommt ein wenig heraus, die Stimmung könnte nicht besser sein, Whiskey mit Gletschereis macht die Runde. So etwas bekommt man nicht jeden Tag angeboten, und so vergesse ich meine Regel, vor der Tagesschau keinen Drink zu nehmen, und greife zu. Der Alkohol verfehlt seine Wirkung nicht, vor allem bei mir, der ich nicht viel vertrage, erst recht nicht auf fast nüchternen Magen – wir haben natürlich keinen prall gefüllten Picknick-Korb dabei, sondern nur eine Rolle Kekse. Auch bei der Reaktion auf Alkohol im Blut unterscheiden sich Latinos von Nordmenschen. Während ringsum Lautstärke und Stimmung neue Rekordmarken erklimmen, verschlafe ich einen Gutteil der Fahrt zu den beiden nächsten Gletschern. Das Schiff tuckert so gleichmäßig, unter Deck ist es so wohlig warm, früh aufgestanden bin ich auch, wie soll ich da die Augen aufhalten? Und warum auch? Die Fotos sind im Kasten und die Gletscher, seien wir ehrlich, sehen doch alle irgendwie gleich aus.







Kommentare
Kommentar veröffentlichen