Die Kunstsammlung der Stadt - Archivbesuche Teil 1
Mit "Es war einmal" fangen alle Märchen an, auch die, die nicht gut ausgehen. Bei der Geschichte, um die es hier geht, ist noch nicht klar, wie sie ausgehen wird. Noch ist Dornröschen in seiner Tiefschlaf-Phase.
Unser Dornröschen besteht aus über 700 Kunstwerken und schläft im Keller der örtlichen Stadtbücherei. Seit genau 10 Jahren.
Und vorher? Nun, es war einmal ein typisches Projekt der 70er Jahre: Zugang zu hochwertiger Kunst für alle! Demokratie! Partizipation! Dafür kann die Stadt (50.000 Einwohner) doch mal etwas Geld locker machen …
Und schon hat der Stadtrat beschlossen, eine städtische Artothek zu gründen. Zwei schöne Räume in der neuen Realschule waren frei, eine Planstelle wurde geschaffen, ein jährlicher Ankaufsetat im Haushalt ausgewiesen.
Wie man so hört, sei das Angebot ganz gut angenommen worden. Nicht wenige Kunstwerke sollen ausgeliehen worden sein. Zwar nicht von den Schichten, denen man Zugang zur Kunst ermöglichen wollte, sondern von Arztpraxen, Rechtsanwälten und nicht zuletzt von verschiedenen städtischen Mitarbeitern, die mal einen echten Kokoschka im Büro hängen haben wollten.
Der Ankaufsetat war nicht groß, weshalb fast nur Grafik angeschafft worden ist. Keine schlechte Auswahl ist getroffen worden, viele bekannte Namen sind darunter. Und die eingestellte Mitarbeiterin hat alles fein säuberlich in verschiedenen Karteikarten-Kästen erfasst, auch Informationen zu den Künstlern gesammelt und ab und an eine Ausstellung organisiert. Es gab Schenkungen und Dauerleihgaben, 2013 konnten an die 800 Werke entliehen werden.
Dann kam dreierlei zusammen: Die Realschule hätte gerne die Räume selbst genutzt, die Stadt musste dringend sparen und die Mitarbeiterin ging in Rente.
Irgendeine Ratsfraktion rechnete aus, wie viel man sparen könnte. Und schlug vor, die Artothek zu schließen und alle Werke zu verkaufen.
Das leuchtete der Ratsmehrheit ein. Bis auf das Verkaufen. Hätte zwar Geld in die Kasse gebracht, aber wer hätte den Verkauf in die Hände nehmen sollen? Alle städtischen Bediensteten sind bekanntlich immer völlig ausgelastet mit ihrer Arbeit. Und wieder eine neue Planstelle?
Die Lösung war einfach: Die Arthotek wurde geschlossen, die Werke im Keller der Stadtbücherei gelagert, die Sammlung umbenannt in „Kunstsammlung der Stadt“.
10 Jahre lang haben die Kunstwerke und auch das über 20.000 Euro teure Spezial-Schiebe-Regal im Keller gelegen. Ungeordnet, wie das Umzugsunternehmen sie halt abgestellt hat. Die städtischen Bibliothekarinnen haben sich geweigert, sich darum zu kümmern. Wie alle städtischen Angestellten sind, so sagen sie, auch sie völlig überlastet mit den alltäglichen Aufgaben.
Dieses Jahr sind Mitglieder des örtlichen Kunstvereins auf die Idee gekommen, die Artothek wiederzubeleben. Die Stadtbücherei hat doch einen prima Software-Lösung für Ausleihen, wieso kann man da zu den vielen tausend Büchern nicht noch ein ein paar hundert Bilder integrieren und für die Öffentlichkeit wieder zugänglich machen?
Warum nicht? Weil es Arbeit macht und weil alle städtischen Angestellten … (s.o.).
Na, das wäre doch gelacht. Das machen wir selbst. (Fortsetzung folgt)
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